Wenn Idealismus nicht mehr reicht, oder: Unser neues Geschäftsmodell

Liebe Hörer, Musiker und Freunde,

das Projekt At Sea Compilations hat sich in den vergangenen fast fünf Jahren zu einem wichtigen Teil meines Lebens entwickelt. Wenn vielleicht nicht sogar zu einem der wichtigsten. Doch irgendwann kommt der Augenblick, wo man sich selbst fragen muss: Reicht der eigene Idealismus noch aus? Kann dieser Idealismus noch den eigenen Ansprüchen tragen und vor allem: Wann wird eine Leidenschaft zur Selbstausbeutung?

1) Zum Hintergrund

Ich habe in den letzten 10 Jahren immer wieder tolle Projekte gesehen, die irgendwann aufgrund eigener Selbstausbeutung zuende gingen. Zum Teil war ich in diesen Projekten selbst involviert, aus diesen Erfahrungen habe ich gelernt und mir stets gesagt: Soweit möchte ich es nie und nimmer kommen lassen. Nun ist bei mir dieser Zeitpunkt gekommen, die Notbremse zu ziehen, bevor es das Projekt At Sea Compilations vielleicht nicht mehr geben kann, nicht mehr geben wird.

Mit der Zeit sind die Ansprüche gewachsen. Nicht nur von mir an meinem Projekt, sondern auch von den Menschen mit denen ich zusammenarbeite – ohne die es dieses Projekt nicht geben kann. Mit der Zeit hat sich natürlich auch meine persönliche Situation verändert. Ich möchte ehrlich mit euch sein: Ich bin erwerbsunfähig verrentet und lebe auf Sozialhilfeniveau. Ich habe also im Monat tatsächlich nicht viel Geld zur Verfügung. Schon allein aus diesem Grund ist es notwendig, dass sich die Compilations finanziell zumindest tragen.

Mehr noch: Es gehen häufig 4-5 Monate ins Land, die ich mit der Vorbereitung einer Veröffentlichung beschäftigt bin. Einschließlich Konzeptionierung, Recherche und Produktion. Eine für mich häufig spaßige, aber manchmal auch sehr anstrengende Arbeit. Wenn dann das Ergebnis einer Veröffentlichung nicht stimmt, dann ist das eine Form der Selbstausbeutung, die ich nicht mehr tragen kann und will. Ich gehe davon aus, dass die aktuelle „Miami Synthwave Radio“ Compilation mich einen dreistelligen Eurobetrag kosten wird! Denn die Compilation scheint nicht euer Interesse in dem Maßen getroffen zu haben, wie ich mir das erhofft habe (zumal ja immer mal wieder der Wunsch nach eine Zusammenstellung mit elektronischer Musik aufkam). Aber auch andere Veröffentlichungen in der Vergangenheit, wie die „Alice’s Curiosities“ oder die „Herbstmond 2“ haben ihren Schnitt nur mit Mühe erreicht. Sicherlich sind das Liebhaber-Projekte und bekommen von Euch nicht die Aufmerksamkeit wie eine „La Danse Macabre“ oder eine „Snowflakes“. Das ist auch okay so. Aber genau diese Projekte machen den Charme von At Sea Compilations auch aus. Dass man nicht immer die selben Genres bearbeitet, sondern bewusst auch mal in die Seitengassen oder ganz woanders hinschaut.

2) Das neue Geschäftsmodell

Aus diesen Gründen kann ich das bisherige Modell nicht mehr weiter tragen: Alle Veröffentlichungen kostenlos rausgeben und hoffen, dass es euch so gut gefällt, dass ein paar Leute etwas per PayPal spenden oder in den virtuellen Hut auf Bandcamp werfen. Was im Schnitt übrigens nur 8% der Leute sind, die sich eine Compilation runterladen.
Aus diesem Grund wird es kostenlose Downloads nicht mehr ohne Weiteres geben.

Zukünftig wird jede Veröffentlichung 3€ (bei Einzelcompilations) bzw. 5€ (bei Doppelcompilations) kosten. Diese werden wie gewohnt auf Bandcamp angeboten werden. Der kostenlose Download auf der Homepage entfällt vorerst. Dieser Preis ist bewusst so niedrig angesetzt, da ich selbst weiß, wie es mit wenig Geld ist. Ich denke, dass 3€ bzw. 5€ für eine gute Produktion nicht zu viel verlangt sind und sozial verträglich sind.

Nun habe ich immer wieder gesagt, dass ich kein Freund von Paywalls bin. Das gilt auch weiterhin. Deswegen operiert At Sea Compilations zukünftig mit einem sogenannten „Freikauf-Modell“, ähnlich wie es beispielsweise die Leipziger Internetzeitung praktiziert. Wenn der Umsatz einer Compilation 200€ übersteigt, wird diese Compilation wie gewohnt kostenlos auf unserer Homepage und dann wieder im „Pay What You Want“ Modell auf Bandcamp zu finden sein.
Wenn also „Snowflakes V“, welche voraussichtlich wieder eine Doppelcompilation werden wird und demnach 5€ kosten wird, sich 40 mal verkauft, wird diese Veröffentlichung anschließend wieder frei zugänglich sein.

Es geht mir mit diesem Modell darum, die Finanzierbarkeit von At Sea Compilations mittelfristig sicherstellen zu können – und auch ein kleines finanzielles Polster anzulegen. Sodass ein einzelner finanzieller Flop weniger schwer ins Gewicht fällt wie jetzt – und das Projekt nicht unmittelbar mit dem Aus konfrontiert wurd. Oder vielleicht können wir mit dem Geld auch mal eine schöne CD/MC-Produktion finanzieren? Oder auch mal öfter in professionelle Designs investieren.

2a) Und was passiert mit den klassischen Spendern?

Auch Euch habe ich nicht vergessen. Ihr, die beispielsweise Anfang des Jahres 25€ und mehr spendet, oder auch zwischendrin immer mal wieder. Für euch ändert sich nichts! Jeder der mindestens 25€ spendet, kommt mit seiner E-Mail-Adresse in einen seperaten Unterstützer-Newsletter und jeweils ein Jahr lang unsere Veröffentlichungen wie gewohnt frei zugänglich an den Tag der Veröffentlichung zugeschickt. Man könnte das auch eine Art „Jahresabo“ nennen.

2b) Werde ich PayPal brauchen?

Egal ob für das „Jahresabo“-Modell oder den Einzelkauf einer Compilation: Ihr könnt auch klassisch per Banküberweisung bezahlen! Damit der Aufwand für mich überschaubar bleibt: Sendet in diesem Fall dann einfach die Quittung (oder ein Foto davon) als Mail-Anhang mit und ihr bekommt einen Code für Bandcamp, der Euch die Veröffentlichung dauerhaft freischalten wird.

2c) Ab wann gilt das Modell?

Ab der Veröffentlichung von „Snowflakes V“. Alle vorherigen Compilations bleiben frei zugänglich.

3) Folgt jetzt der große kommerzielle Ausverkauf?

Das werden sicherlich so manche Menschen sich nun fragen. Wie oben schon ausgeführt: Nein. Im Gegenteil! Das bisherige Modell hat nischigere Themen eher benachteiligt. Mit dem neuen Modell erhoffe ich mir, die Finanzierung für mindestens vier Veröffentlichungen im Jahr mittel- und langfristig sicherstellen zu können. Planungssicherheit wird auch für ein Projekt wie At Sea Compilations zunehmend wichtiger.

Ich möchte auch weiterhin kleine und kleinere Bands eine Plattform geben. Ich möchte auch weiterhin gerne experimentieren und schauen, was es musikalisch alles spannendes zu entdecken gibt. Es ist also das Gegenteil eines kommerziellen Ausverkaufs. Wie gesagt: Ich möchte diese Arbeit weiterhin gerne fortsetzen, gleichzeitig möchte ich die Risiken einer Selbstausbeutung nicht mehr länger tragen. Ich hoffe, dass Ihr das versteht.

4) Das neue Modell nochmal kurz in Stichpunkten

– Jede neue Veröffentlichung wird 3€ (Einzelcompilations) oder 5€ (Doppelcompilations) kosten
– Ab einem Umsatz von 200€ wird die jeweilige Compilation kostenlos für alle veröffentlicht
– Wer mindestens 25€ unabhängig einer Veröffentlichung spendet, bekommt ein Jahr lang Zugang zum „Unterstützer-Newsletter“, in der es die Veröffentlichung am Release-Tag zum normalen Download gibt.
– PayPal ist nicht notwendig, man kann auch per Überweisung zahlen

Zum Abschluss

Das ist es nun also: Das neue Finanzierungsmodell von At Sea Compilations. Ich denke, dass es fair für jeden ist und ein Preispunkt gefunden wurde, der für Jeden bezahlbar sein sollte. Ich habe auch andere Optionen geprüft, wie Crowdfundingmodelle a la Patreon oder auch eine kleine Beiteiligung der Bands und Künstler. All das ist aber für At Sea Compilations und den damit verbundenen Werten nicht tragfähig. Mit diesem Modell erhoffe ich, den bisherigen Underground-Charme des Projektes erhalten zu können. Schreibt mir bitte, wie ihr dieses Modell findet. Schreibt mir bitte eine Mail oder in den sozialen Medien, wie ihr diese Änderung findet. Ich kann mir vorstellen, dass Einige sicherlich den jeweils vorläufigen Wegfall der kostenlosen Downloads bedauern. Doch die Alternative wäre, das Pojekt inhaltlich so zu verändern und von seiner Grundidee zu entfernen, dass wir, denke ich, alle keinen Spaß mehr dran haben würden.

Euer,
Axel Meßinger

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